Samstag, 24. Februar 2018

Mit einem Dreifinger-Faultier durch den Duvenstedter Brook



Der Duvenstedter Brook ist ein Naturschutzgebiet am nordöstlichen Zipfel des Hamburger Stadtgebietes. Man liest immer mal wieder in der lokalen Presse davon, irgendwie war es mir ein Begriff, aber dort gewesen war ich noch nie. Das sollte sich am heutigen Samstag ändern. Minusgrade und strahlender Sonnenschein schienen mir perfekt für einen weiteren abenteuerlichen Ausflug mit dem Hund. 


Das mit dem Abenteuer ging dann auch ganz fix. Gerade in Ohlstedt aus der U-Bahn gestiegen und erst wenige Meter in den Wohldorfer Wald eingebogen ließ mich ein Geräusch Herumfahren. Was sich wie eine Büffelherde anhörte war in Wirklichkeit eine Wildschweinrotte, die nur wenige Meter hinter uns aus dem Unterholz brach und über den Waldweg preschte. Ein halbes Dutzend Bachen mit Einjährigen trabten zügig vorüber. Lotte setzte zum Tiefflug an. Nach 5 Metern bewegte sie sich quasi schwebend Richtung Schwein. Etwas panisch blies ich die kleine Pfeife am Rucksack. Lotte landete abrupt und kam sich fast schon gemütlich ihr Leckerli abholen. Ich war mir nicht sicher ob ich mich meiner Begeisterung darüber hingeben sollte oder schnell noch aus der Hüfte ein paar Fotos von den Schwein schießen sollte. Multitasking war angesagt. 


Nach gut fünf Kilometern Wegstrecke begann der Duvenstedter Brook. Da war doch was, ich erinnerte mich blass aber auch diverse Schilder am Wegesrand waren unmissverständlich: absolutes Hundeverbot im gesamten Naturschutzgebiet. Das ist ein Problem, gerade, wenn man eine Wanderung so ausgelegt hat, dass man sein Ziel mit Endes des Tageslichts erreichen würde und es keine beschilderte Ausweichroute gibt. Ich beschloss Lotte an die Leine zu nehmen und weiter zu gehen. Schon seit mehr als einer Stunde hatte ich keinen Menschen mehr gesehen und so sollte es auch in den nächsten beiden Stunden bleiben. Würde es schlimm kommen, könnt man mir eine Ordnungswidrigkeit nachsagen, aber dazu müsste es ja erst einmal kommen. Außerdem beschloss ich, das Lotte gar kein Hund sondern ein Dreifinger-Faultier sei, wie man sicherlich gleich erkennen würde, wenn man einen gewisse Grad von Allgemeinbildung besäße. Ein Explizites Dreifinger-Faultier-Verbot gab es im Schutzgebiet jedenfalls nicht. 


Der Duvenstedter Brook entpuppte sich als bemerkenswert schöne Landschaft. Naturbelassene Waldabschnitte mit viel Totholz wechselten mit sumpfigen und steppen artigen Gebieten. Bei diesem Kaiserwetter war das sehr schön anzusehen. 


Der Naturgenuss war nahezu ungetrübt. Nahezu, weil vom Flughafen Fuhlsbüttel (der jetzt Helmut Schmidt heißt), ab und an ein Flieger geräuschvoll vorüberzog und die Sache mit dem Dreifinger-Faultier ließ mich auch nicht wirklich zur Tiefenentspannung finden. Immerhin hatte Lotte heute keine Chance sich in irgend einem Schlammloch zu amüsieren. Der Erdboden war überwiegend gefroren und den Rest erledigten wir mit der Leine. 


Nach drei Stunden war es an der Zeit für ein kleines Picknick. Ein Hochstand bot sich als trockene, windgeschützte Sitzmöglichkeit an. Es gab Apfelkrapfen und heißen Kaffee, während sich Lotte die Zeit damit vertrieb, am Horizont vorbei fahrende Autos anzuknurren. Manchmal hat sie doch sehr seltsame Macken. 


In Ohlstedt zurück fuhr mir die U-Bahn vor der Nase fort. Das war der Ausgleich für die Hinfahrt, wo ich die U1 in der heimischen Lohmühlenstraße punktgenau traf. So stand ich also noch eine Weile auf dem Bahnsteig herum und dachte über den vergangenen Winterwandertag nach. Sicher würde ich hier noch einmal her kommen, aber Lotte würde ich dann zu Hause lassen, Am Ende war mir das doch ein wenig zu viel Aufregung. 





Donnerstag, 8. Februar 2018

Jeetzel Auen


Das hatte man sich ja fein ausgedacht, den über Jahrzehnte gesammelten deutschen Atommüll im letzten Winkel der Republik zu verscharren, dort wo (fast) niemand mehr wohnt und gleich die DDR anfängt, also dort wo es nun wirklich niemanden interessiert bis Gras drüber gewachsen oder der Salzstock eingestürzt sei. Da hatte man jedoch den Strich zu früh unter die Rechnung gezogen. Die Wenden entpuppten sich als zähe Kämpfer für ihren wundervollen Landstrich und im Laufe der Geschichte ergab es sich, dass aus ganz am Ende das Mittendrin wurde. 


In Dannenberg, wenige Kilometer vor dem Acker, auf dem der strahlende Müll, unter einer Plane, auf eine gute Idee wartet, endet die Wendlandbahn. Der Erixx fährt nur alle drei Stunden, die Infrastruktur lässt einen dichteren Takt nicht zu. Da muss man sich halt drauf einstellen. Das Tolle ist, die Bahnstrecke liegt noch im Hamburger Verkehrsverbund und ich muss am Wochenende für die Fahrt nichts zahlen. 


Für den Anfang, bei nass-winterlichen Wetterverhältnissen, reichte mir eine drei Stunden Wanderung völlig aus. Der Blick auf die Landkarte, bei der Planung am Tag zuvor, ließ zunächst nichts höchst spannendes erwarten. Dem Unterlauf der Jeetzel wollte ich folgen und dann von Hitzacker mit der Bahn wieder zurück nach Hamburg fahren. Fertig!



Lotte war guter Dinge. Nach einer für sie langweiligen Woche im Büro ging es heute endlich wieder auf Reisen. Wenn ich den kleine Wanderrucksack packe, dann weiß sie gleich was los ist. Thermosflasche, Akkus, Handy, GPS-Gerät, ein paar Bonbons und die Leckerlis - Aufbruch! Ab Lüneburg wird die Bahnfahrt gemächlich und man hat die Zeit, sich auf das Wendland einzustimmen. Es fühlt sich dann auch an, wie irgendwo zwischen Mittelalter und 1980. Man kann es nicht so recht beschreiben, man muss es sich ansehen und spüren. 


Auf einer ehemals kopfsteinpflasternen Allee verließ ich Dannenberg und mit jedem Schritt weitete sich mit der Landschaft auch mein Herz. Fast ehrfürchtig blieb ich stehen und konnte es gar nicht fassen. War ich in einem Film von Heinz Sielmann gelandet? Nein, das war nicht die Serengeti, das war das Wendland und es war feucht und es schneite leicht, aber sonnst stimmt alles. Ein Rudel von mehr als 30 Rehen stob aufgeschreckt davon und rannte mitten hinein in einen riesigen Gänseschwarm, der sich aufgeregt in den Himmel erhob. Wow! Welch ein Bild! Zwei Kraniche die auf Tuchfühlung über mich hinweg flogen machten das Bild perfekt. 


Giraffen, Antilopen, Löwen, Elefanten, in meiner Fantasie hätte alles in diese Landschaft gepasst -  nur wie gesagt, es war Winter und ich war im Wendland. Wir genossen jeden Meter. Lotte mühte sich redlich, die Pfützen zu umgehen, aber bald hatten sich doch kleine Eiszapfen im Fell gebildet. 



Zwischen Nienwedel und Seerau hatte das Winterhochwasser die Jeetzel zu einem breiten Strom anschwellen lassen. Während das Schneetreiben dichter wurde legten wir an einer geschützten Stelle eine kleine Kaffeepaus ein um dabei mit Muße die Landschaft zu betrachten. In meine ganzen bisherigen Leben hatte ich noch nie so viele Rehe gesehen wie an diesem einen Tag und das spektakuläre an dieser Landschaft ist, dass es hier nichts gibt, aber davon eine ganze Menge.    


Ziemlich glücklich stieg ich in Hitzacker wieder in die Wendlandbbahn. Der Zug war noch auf dem Hinweg nach Dannenberg, aber wozu in der Kälte stehen? Aus dem Fenster schaute ich im vorüberfahren noch zwei Mal hinaus in die weiten Jeezel Auen. Mir kam so eine Idee davon, warum mein Ex-Nachbar vor ein paar Wochen aus dem hippen St. Georg zum Atommüll ins Wendland gezogen ist. 




Montag, 22. Januar 2018

Sachsenwald - ein Plädoyer für den freien Montag




Der Sachsenwald ist der 70 Quadratkilometer große Rest eines riesigen norddeutschen Urwaldes, der sich einst von der Ostsee bis nach Niedersachsen erstreckte. Er liegt in Schleswig-Holstein, ist gemeindefrei und schließt im Osten an das Hamburger Stadtgebiet an. Hamburgs Lieblingssonntagsnachmittagsspaziergehwald mit S-Bahn Anschluss könnte man ihn nennen, hier trifft man Freunde, Kollegen, Nachbarn und Promies zwischen Sonntagsbraten und fife-o-clock tea ganz ohne Verabredung. 


Otto von Bismark bekam den Sachsenwald 1871 von Kaiser Wilhelm dem I. geschenkt. Immer noch sind große Teile des Waldes im bismarkschen Besitz. Das interessierte uns jedoch am Nachmittag nur peripher. Auch die "Quatsch mit Leine Schilder" fanden wir unangemessen, viel spannender war zum Beispiel, dass hier draußen noch Schnee lag. Lotte, vom Regenmantel vor gröberem Unfug vermeintlich halbwegs geschützt, peste sofort los. Schnee erhöht die Grundgeschwindigkeit um 30-50%. Das war gut, denn wir waren mal wieder spät dran. 


Mir fiel auf, sie kann den Wolfgang nicht. Also, den Gang der Wölfe. Wölfe laufen in ihrer eigenen Spur um dadurch Kraft zu sparen. Lotte hat entweder zu kurze Beine oder wahlweise einen zu langen Bauch, die Spur der Hinterläufe kommt nur ansatzweise an die Fußabdrücke der Vorderpfoten heran. Nun ja, wir nutzten über weite Strecke die S-Bahn - nennen wir es Bewegungsevolution der urbanen Caniden, Lotte machte jedenfalls keinen benachteiligten Eindruck.


Nun die Lanze für den freien Montag. Der Sachsenwald war wie leer gefegt. Wo am heiligen Sonntag Nachmittag noch dichtes Spaziergängergedränge herrschte war 24 Stunden später keine Menschenseele. Erst merk man gar nichts, aber nach einer knappen Stunde gehen ist es plötzlich da: du bist alleine, nicht einsam, nur ganz wundervoll alleine. Kein Geräusch, nicht der kleinste Farbtupfer im dunstigen Wintergrau, nur der eigene Atem und irgendwo wuselt noch ein kleiner Hund herum, der dann auch endlich ehrfurchtsvoll inne hält. Grau, kalt, schön, nichts. So blieb es dann auch den gesamten Nachmittag. Wir begegneten keiner Menschenseele.


Sicherlich hat jeder von Lohnarbeit befreite Tag einen gewissen Mehrwert, dem Montag jedoch, das beobachte ich schon lange, kommt der höchste zu. Montags fährt kein Mensch in den Wald und auch sonst hat man gefühlt die ganze Welt für sich. Ein markanter Nachteil ist jedoch, es gibt oft keinen Kuchen unterwegs. Solchen Unannehmlichkeiten kann man leicht mit einer Thermoskanne und einem dem Ausflug vorangehenden Besuch beim Bäcker begegnen. Heute fand unser Picknick am wilden Lauf der Bille statt. Kaffee und Donuts für mich, kleine Leckerlis für Lotte.


Zeitweise war es unwegsam. Unwegsam im wahrsten Sinne des Wortes, viel Niederschlag, Windbruch und schweres forstwirtschaftliches Gerät hatten einige Wege unpassierbar gemacht. Querfeldeinpassagen waren im lichten Eichenwald die bessere Wahl. Dank GPS Unterstützung ist das heutzutage selbst in unbekannten Gegenden kein Problem mehr. Die dünne verharschte Schneedecke trug Lotte problemlos und verlieh mir geräuschvolle Schritte. Möglicherweise nicht schlecht, dachte ich bei mir, die Wildschweine bekommen im Januar ihre Frischlinge und einer erschrockenen Bache mit Nachwuchs möchte ich nicht über den Weg laufen, dann lieber etwas Lärm machen und ordentlich nach Mensch (und Hund) stinken. 


Am Ende war es dann doch fast wieder Dunkel, als wir in Aumühle ankamen. Ein Blick auf die Karte sagte mir, der Sachsenwald hat noch einiges zu bieten und das war bestimmt nicht unser letzter Besuch heute. Erst gestern gefönt und gekämmt musst sich Lotte heute schon wieder einer intensiven Entastung und weiterer Körperpflegegänge unterziehen, aber der Spaß am Nachmittag war diese Mühe wert. 






Montag, 8. Januar 2018

Trave



Ganz langsam lerne ich den Winter lieben. Von der dunklen, kalten, endlos langen Jahreszeit entwickelt er sich zum Wunderland, das entdeckt werden will. Der wohl ausschlaggebende Grund dafür ist, dass wir das Wandern entdeckt haben und damit eine weitere Möglichkeit, Licht, Luft und Bewegung zu tanken. Nicht, das ich in diesem noch kurzen Jahr nicht schon Fahrrad gefahren wäre. Der erste Plattfuß ist geflickt, die ersten Hundert Kilometer dahingerollt, aber heute stand Wandern auf dem Aktivitätenzettel. 



Strahlender Sonnenschein, -2°Celsius, Lotte voller Tatendrang, ich noch nicht so. Das Aufstehen gestaltete sich in drei von Kaffee unterbrochenen Etappen. Dies war der eine Grund, warum wir spät dran waren. Der andere Grund lag bei der Deutschen Bahn. Bei zwei Zügen stündlich wartet man statistisch 15 Minuten auf den nächsten Zug. Wir wählten die Maximalwartezeit, hinzu kam eine Verspätung von 20 Minuten und überholende Züge an jedem Zwischenbahnhof, was zu einer Reisezeit von schlapp 2 Stunden für knappe 50 Kilometer führte. Aber wir wollen nicht klagen, es war warm und die Sitze waren weich. 


Wo es schön ist und ich schon immer mal hin wollte stand auch heute wieder auf der Liste. Fährt man nämlich von Lübeck nach Hamburg mit der Bahn, so durchquert man das Travetal an einer recht hügeligen Stelle und von der erhöht gelegenen Bahnlinie hat man mehrmals einen wundervollen Ausblick. Genau dort sollte es hin gehen, nach Bad Oldesloe in Stormarn und von dort aus der Trave Richtung Ostesee folgend. 


Oldesloe, längst nicht mehr Bad, hat eine spannende Geschichte. Im 16. Jahrhundert an der durch den Alster-Beste-Kanal entstandenen Wasserstraße zwischen Lübeck und Hamburg gelegen, kurzzeitig blühende Handelsstadt. Man sagt es sei die teuerste Fehlinvestition gewesen, die die Stadt Hamburg je getätigt habe, denn nur wenig mehr als 20 Jahre war der Kanal schiffbar, bevor er aufgegeben wurde. Die Trave hingegen war noch bis in die 1830er Jahre bis Bad Oldesloe von Schiffen befahrbar. Die damals neu gebaute Bahn machte dem Flüsschen als Transportweg endgültig den Garaus.....soviel aus unserer Serie "unnützes Wissen am Abend", auf das heute Outdoor Erlebnis hat das alles schließlich überhaupt keine Einfluss.


Lotte stratzte los, und das war auch gut so, in weniger als zwei Stunden würde die Sonne unter gehen und dann sollten wir wieder in der Zivilisation sein. Wir folgen dem Flusslauf, die Sonne im Nacken und meist festes Eis unten den Füßen. Die Trave war an einigen Stellen über die Ufer getreten und breit gefroren. Stellenweise konnte man leider nicht erkennen, wo sich fester Untergrund unter dem Eis oder wo sich Wasser befand. Als Mensch hat man immerhin noch eine Ahnung wo Weg und wo Fluss sein könnte, Lotte ging das jedoch komplett ab. Sie schlitterte freudig übers glatte gefrorene Nass und mir stockte mehrmals der Atem, als sie sich dem Fluss näherte, denn das Eis war noch sehr dünn. Alles gut gegangen, manchmal hat man einfach Glück. Nur das Eis im dichten Fell klimperte beim laufen. Trotzdem war ich froh, als wir bergan, über die schon erwähnte Bahnlinie nach Lübeck, in einen winterlich kahlen und trockenen Wald wechselten.



Ich finde die winterliche Natur mehr und mehr zauberhaft. Man sieht so vieles, was im Sommer vom dichten Grün verborgen ist. Immer wieder blieben wir stehen, atmeten tief eisige Luft und schauten einfach nur, schauten so lange bis uns die Dunkelheit einholte. Das Hundeverbotsschild im Café in Bad Oldesloe übersahen wir, im Gegenzug übersah die Bedienung den Hund. Ich fand das war ein guter Deal. Für mich gab es einen Pott heißen Kaffee und klassisch, eine Nussecke, für Lotte - nichts. Restaurants und Café sind Orte wo Hunde nichts essen (Punkt) Das hat schon bei Joschi wunderbar funktioniert und Lotte hat es schnell gelernt. Aber wenn man dann später nach dem Essen wieder ins Freie kommt, dann gibt es ein Fest für den Hund. 


Zug in 5 Minuten, geht doch - dachte ich. Das war aber nur der geschmeidige Anfang. In Ahrensburg wurde der Zugbegleiter zum Zugführer gerufen. Das bedeutet meist Ungemach. Das vor uns liegende Gleis sei besetzt, gesperrt, ein entgegenkommender Zug sei mit einem Festen nicht identifizierten Gegenstand zusammengestoßen, die Bundespolizei müsse den Gegenstand finden bevor die Strecke freigegeben werde, der "Zugstau" sei jetzt auf 4 angewachsen, ein Rettungsdienst sei im Einsatz, soweit die folgenden sechs Ansagen des Zugbegleiters. Unappetitlich werden sie ja selten bei ihren Ansagen. Die Aussicht war jedoch, für ein Weiterkommen, sehr bescheiden. Ich entschloss die schon müden Füße noch einem  zu reaktivieren und mich auf den Weg zur U-Bahn Station in Ahrensburg-West zu machen. Die zwei Kilometer gingen dann auch noch irgendwie. Hunger und mangelnde Lust noch etwas zu kochen trieben mich in die Pommesbude meines Vertrauens. Currywurst, Pommes, Bier, ja ich weiß, es gibt Menschen, die finden das unglaublich - ich nicht :)









Dienstag, 19. Dezember 2017

I wounder, we wander...



Gehen war noch nie meine Stärke. Ein Trümmerbruch, bei einem Arbeitsunfall vor 30 Jahren, ließ meinen linken Fuß um eine Schuhgröße schrumpfen. Der Achillessehnenabriss auf der anderen Seite, 15 Jahre später, und die 13 darauf folgenden Operationen, machen die Ausgangslage nicht gerade besser, die kurzen Beine erledigen sozusagen den Rest - ich bin geborener Fahrradfahrer. 


Fahrradfahren und Winter - kann machen, geht ganz gut, aber ehrlich gesagt, gefallen wollte mir das noch nie. Die Kälte zehrt, schon wenige Dutzend Kilometer bei Minus-graden fühlen sich an wie ein Marathon. Fährt man zu schnell, dann schwitzt man unter der schützenden Kleidung, bergab kühlt man aus. Laub, Matsch, Dunkelheit Schnee und Eis ermahnen zu Vorsicht, Wasser von oben und unten verderben die Laune. Spitze kleine Steinchen aus dem Streugut machen Plattfüße zum Alltagsgeschäft. Und dann kam auch noch Lotte ins Spiel. 


Dem Radfahren war sie gleich freundlich zugewandt, ein paar wenige schöne Touren hatten wir im Herbst noch gemacht, aber als es kühler wurde fror auch sie, genau wie vormals Pinscher Joschi, im Fahrradkorb. Heimlich hatte ich die Hoffnung gehabt, bei diesem kleinen haarigen Monster sei das nicht so. Mit Lhaso Apso und Shih Tzu im erweiterten Stammbaum, beides Hunderassen aus dem Himalaja, wäre eine gewisse Kälteresistenz nicht abwegig gewesen, doch mir wurde klar, das liegt gar nicht am Hund, sondern am langen Verharren in Bewegungslosigkeit. So dick kann gar kein Fell sein. 


Lotte ist ein Energiebündel, sie liebt rennen und auch für mich ist ein Tag ohne ausreichend Bewegung  zumindest ein ziemlich trister. So wurden dann die Gassigänge immer länger und ganz bald zieht es einen auch aus der Stadt hinaus. Mein Arbeitgeber bot neuerdings eine HVV-Profi-Card an, ganz Hamburg und noch ein Stückchen mehr zum kleinen Preis. Ich schlug zu. 



Zum Wandern braucht es gar nicht viel. Ein kleiner Rucksack, eine Thermoskanne, ein Sitzkissen für Pausen auf feuchten Untergrund, GPS-Gerät, Kamera, wetterfeste Kleidung (auch für den Hund) und schon kann es los gehen. Nunja, fast. Wichtigster Ausrüstungsgegenstand sich passende Schuhe, und damit tat ich mich sehr schwer. Diverse paare Wanderschuhe, auch solche, die ich nach guter Fachberatung gekauft hatte, sind schon in Altkleiderkontainern zwischen Ulan-Ude und Davos gelandet, selten ohne Wut über den hohen, wenn auch angemessen, Kaufpreis. Das letzte Paar ging an Amazon zurück, da sich nach einem halben Jahr das Innenleben unerwartet aufgelöst hatte. Pst....ich mag das Lob gar nicht zu laut hinaus posaunen, ich habe gerade ein paar super leichte, wasserdichte, exzellent passende Exemplare von Salomon in Gebrauch und bin sehr glücklich damit. 


Anregungen holt man sich bei Komoot. Eine Lifetime Mitgliedschaft mit weltweitem Kartenupdate kostet knapp 30 Euro, die Bedienung ist intuitiv. Kann in den meist sehr schön bebilderten Uploads Anderer stöbern, Strecken berechnen lassen oder frei selbst erstellen. Dies funktioniert sowohl am Rechner als auch auf Smartphone oder Tablet wunderbar. Den Track auf das Outdoor Navi herunter geladen, kann man Wegweiser und Landkarte auch in unbekannten Gegenden getrost vergessen. Zur Not ist die Strecke schließlich noch auf dem Smartphone abrufbar.


Wer nun glaubt, die Stadt, oder gar der ganze Norden, habe nichts zu bieten, dem sei gesagt, er/sie irre gewaltig. Obwohl Hamburg sogar einen Alpenverein hat, machen sich die Berge rar. Beim Wald sieht es schon anders aus. Sicherlich gibt es keine endlosen Fichtenwälder wie in Eifel oder Harz, jedoch handelt es sich dort meist um recht unattraktive Monokulturen. Herrliche wilde Auenwälder wie an Alster und Ilmenau sucht man in Deutschlands bewaldeter Mitte meist vergeblich. Der wahre Schatz des Nordens ist somit auch das Wasser. Zahllose Flüsse, Kanäle, Seen und Moore laden zu abwechslungsreichen Touren ein. Von Menschenhand geschaffenen Landmarken wie Deiche, Häfen, Brücken und Schleusen sind immer wieder spannende Ziele.


Meinem Bedürfnis nach Winterschlaf und dem frühen Ende des Tageslichts geschuldet, fallen die Wanderungen jetzt zum Höhepunkt des Winters eher kurz aus. Acht bis Zehn Kilometer, auch schon mal 12, dann ist der Tag vorbei. Mit dem Wandern erschließen wir uns gerade einen ganz neuen Kosmos. Schon der Umstieg vom Auto auf das Fahrrad hatte einen Aha-Effekt. Man sah plötzlich mehr und vor allem ganz andere Dinge. Ähnliches geschieht gerade wieder. Zu Fuß gehe ich dort längs, wo ich schon immer mal genau gucken wollte, wo ich mit dem Rad nie hin gekommen wäre oder wo es schlicht nie gelohnt hätte mit dem Zweirad hin zu fahren. Eine neue, ganz andere Welt offenbart sich.


Lotte macht sich prima als Begleithund. Bedenkt man, dass sie fast gänzlich unerzogen zu uns kam und vor vielen unbekannte Dingen Angst hatte, habe wir in den letzten vier Monaten rasante Fortschritte gemacht. Unser großes Geheimnis ist: ich vertraue ihr und sie vertraut mir. Über weite Strecken kann ich sie frei laufen lassen und das Zurückrufen funktioniert schon zu mehr als 90%. Eine gewisse Voraussicht ist immer nötig, aber ich bin schon sehr zufrieden. Das, die Wanderung unvermeidlich abschließende Vollbad, muss ich einfach bei einem Hund mit solch kurzen Beinen und feinem, langem Fell, von Anfang an einplanen. Da darf man sich keiner Illusion hingeben. 


Es gibt noch viel zu entdecken, hier bei uns im Norden. Nicht, dass ich das Radfahren jetzt an den Nagel hängen würde, ich habe eher das Gefühl, etwas neues aufregendes hinzu gewonnen zu haben. Wenn im April die Sonne wieder kräftiger wird, dann werden Lotte und ich ganz bestimmt den Drahtesel wieder satteln. Für die lange kalte Winterzeit haben wir jedoch eine äußerst attraktive Alternative gefunden. 





Freitag, 10. November 2017

Orkane und andere kleine Unannehmlichkeiten



Was im Frühling gut war, dürfte im Herbst nicht schlecht werden, so dachten wir und verabredeten uns locker im Juli, für die Herbstferien, zu einer weiteren, hoffentlich aufregenden, Radtour. Das die nordrheinwestfählischen Herbstferien bis in den November andauern würden, war mir da noch gar nicht bewusst, war ja auch noch wirklich lange hin. Am Ende ist wirklich lange dann doch immer ziemlich kurz. Der diesjährige zusätzliche Feiertag am 31. Oktober, in Verbindung mit dem daraus entstehenden, nicht enden wollenden Wochenende, ließ mich in zwei Wochen vorher panikartig noch schnell drei Hotels buchen, obwohl sich mir der Eindruck aufdrängte, bei booking.com sei immer alles fast ausverkauft und man nehme gerade seine aller aller letzte Chance wahr. Tatsächlich war schon das Hafenhostel in Bremerhaven ausgebucht - wie schade. Eine Bleibe in Balje am westlichsten Zipfel des Landkreises Stade und das Fährhaus am Nord-Ostsee-Kanal in Burg in Ditmarschen sollten noch folgen. Ich klopfte mir selbst auf die Schulter und war sehr zufrieden, auch wenn die Preise leicht über meinem Limit lagen.


Zwei Wochen waren ausreichend Zeit, einen dieser lebensbedrohlichen herbstlichen Männerschnupfen zu überleben. Puh! Das war knapp. Nach erfolgter, unerwarteter Genese hatte ich nur noch wenig Zeit, einen fahrbaren Track für die Reise zu erstellen, die Kette zu fetten, die Reifen aufzupumpen und sieben Schichten Allwetterklamotten in die Fahrradtasche zu stopfen. Man weiß ja nie was einen erwartet. Angekündigt war Sturm, der in der Vorhersage langsam zum Orkan wurde, aber irgendwie nur nachts und eigentlich ganz woanders. Kann solch eine Kleinigkeit jemanden Aufhalten, der gerade einen Männerschnupfen überlebt hat?


Ein starkes Zweierteam waren wir und schon die erste Herausforderung, die Richtigen Fahrkarten für den Metronom nach Bremen zu erstehen, meisterten wir glamourös. Wir folgten, vom Hauptbahnhof , der Weser Richtung Norden, gönnten uns am Stadtrand noch einen Kaffee und scheiterten dann an der zweiten Herausforderung. Ein offensichtlich größeres landwirtschaftliches Gerät hatte auf einem Feldweg tonnenweise Kleie verteilt. Erst subtil wenig, dann kamen die ganz dicken Brocken. Ging es anfangs nur darum, sich auf dem glitschigen Untergrund, nicht auf dem Hosenboden zu setzen, war später klar, hier dreht sich nichts mehr. Nicht mal mehr schieben war möglich - Schlamm, so weit das Auge reicht, und den wird man einfach nicht mehr los. Immer wieder setzten sich Bremsen, Schaltung und Schutzbleche zu. Wir bearbeiteten das Geklebe mit Stöckchen, Gras, Taschentüchern und Wasser aus Pfützen - überwiegend erfolglos und schon bald sahen wir selbst aus wie die Wildschweine nach einem Feiertag. Während wir immer einmal wieder anhielten um uns ein wenig vom Schlamm zu erlösen, frischte der Wind merklich auf und die letzten Kilometer bis Bremerhaven wurden sehr anstrengend. 


Eine Waschanlage musste her - so konnten wir uns in keinem Hotel blicken lassen. Beim zweiten Anlauf hatten wir Glück. Ein freundlicher junger Mann mit Hochdruckreiniger säuberte Mannen und Maschinen zu unserer vollsten Zufriedenheit und zum kleinen Preis. Unser Hotel lag ganz knapp hinter dem "Hallo-Schatzi-möchtest-du-Mal-mitkommen-Stadtteil" - gerade so Glück gehabt - jetzt erst Mal heiß duschen und ein wenig erholen. In der "Letzten Kneipe vor New York" gab´s Scholle Finkenwerder. Der Weg dorthin führte durch besagten Stadtteil und ich vertrieb mir sporadisch die Zeit damit zu erklären, ich sei gar nicht Schatzi und da müsse ein Irrtum vorliegen. Brechend voll war es in der Hafenkneipe. Wir fanden nur noch in einem weniger attraktiven Hinterzimmer Platz. Vorne spielten die drei lustigen Zwei zu Speis und Trank auf. Es war erstaunlich, wie die kleine Kapelle es fertig brachte, das Lokal bis 22:00 Uhr leer zu spielen. Am Ende waren nur noch wir beide dort, aber der Kellner versicherte: "Die spielen immer bis zum letzten Mann". Etwas resigniert zahlten wir die Rechnung und gaben ein gutes Schmerzensgeld. Draußen regnete es waagerecht und die Weser lugte über die Kaimauer. Aus gegebenem Anlass setzten wir auf Taxi. In der Nacht tobte "Herwart" ums Haus und durch die Straßen. Wenn wir lange genug schlafen würden, wäre das schlimmste Wetter überstanden. 


Kräftiger Wind aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Neun Uhr dreißig, Frühstück, Männergespräch: "Hast du Werkzeug dabei?" - "Nö!" - "Du?" - "Nö!" - "Ich dachte du hast!" - "Jo, dachte ich auch!" - "Wird schon nichts passieren, passiert ja sonst auch nix!" - "Jo!"

Nix dauerte etwa 200m. Das schwammige Gefühl am Hinterreifen war unmissverständlich. Keine Luftpumpe, kein Flickzeug. An drei Tankstellen auf dem Weg konnten wir etwas Luft nachpumpen, aber weder Werkzeug noch Flickzeug erstehen. Sonntag Morgen 11:00 Uhr in Bremerhaven und keine Idee, außer..... ADFC. Der Allgemeine deutsche Fahrradclub bietet seinen Mitgliedern einen 24/7 Pannenservice deutschlandweit an (gegen Aufpreis sogar europaweit). Ein bisschen peinlich war es mir schon, wegen eines platten Reifens den Pannendienst zu rufe - kein Problem, beteuerte ein freundlicher Berliner am andern Ende der Leitung, und er würde gleich zurück rufen. Einen Service-Point gebe es, wo ich alles nötige vorfinden werde und der Abschleppwagen komme auch gleich. Windgeschützt in einem Busshäuschen sitzend in die Sonne blinzelnd fiel die Wartezeit nicht lang. Ein ausgewachsener Abschleppwagen fuhr an, der Fahrer zurrte mein Rad auf die Ladefläsche und schon ging es los. Mir war immer noch peinlich zu Mute. Wir rollten bei der vorgesehenen Adresse im Hafen vor, Haus Nr. 5, ein Fischrestaurant. Der Angestellte am Hintereingang schaute mich etwas ungläubig an, wollte aber noch seinen Chef zu Rate ziehen. Auch dieser beteuerte glaubhaft, nicht im Besitz von Fahrradflickzeug zu sein, könne aber alternativ einen guten frischen Fisch anbieten. Ratlosigkeit. Der Abschlepper musste weiter, wollte mich aber nicht einfach aussetzen. Was niemand wusste und auch niemand einfach hätte herausfinden können, die 5 war ein Fehler im System, es hätte die 6 sein sollen, und die war nicht gleich nebenan, sondern auf der anderen Seite vom Kai. Werkzeugschrank, Ersatzschlauch, Luftpumpe, alles am Tresen der Touristeninfo gegenüber. Geht doch! Der freundliche Herr vom ADFC, der sich zwei Stunden später noch einmal nach meinem Wohlergehen erkundigte hatte auch keinen Plan, wie so etwas passieren konnte und erst recht nicht, wie man den Systemfehler beheben kann. 


Zu jener Zeit saßen wir in der Regionalbahn nach Cuxhaven, das gebot die nunmehr fortgeschrittene Tageszeit und der Reststurm. Bei der Fahrkartenkontrolle merkte der Kartineur in einem ausgedehnten (er stotterte) Nebensatz an, der Zug würde sicher nicht bis Cuxhaven durchkommen und irgendwas von Güterzug und Baum. Bei einem Zwischenhalt wurde dem Triebwagenführer eine warme Mahlzeit in die Bahn gebracht. Die Szene erinnerte mich ein wenig an "Mord mit Aussicht" und "Hengasch". Derart gestärkt erreichte unser Gefährt auf wundersame Weise doch noch Cuxhaven Hauptbahnhof. Erfreut über den Zeitgewinn beschlossen wir an der Klappbrücke am Hafen auf die Schnelle eine Crepe und eine ToGo Kaffee zu uns zu nehmen. Lecker aber mühsam, der Crepe flatterte und der Kaffee wurde aus den Bechern geblasen. 



Rückenwindgetrieben sausten wir durch das gerade erst von den Fluten freigegebene Deichvorland Richtung Osten. Die See tobte in der Elbmündung und neben dem zeitweiligen betrachtens des wilden Treibens war die Konzentration darauf gerichtet, nicht von der Spur ab zukommen und keine angespülten Äste zu überfahren. Welch aufregend langer Tag, es war schon stockdunkel als wir unser Hotel erreichten. 


Das Personal war hyperfreundlich, die Dusche heiß, das Essen gut, das Frühstück grandios und das Beste war, es gab keine Musik. Der Morgen war blau und klar, feinstes Fahrradwetter. Zunächst brach mir der Rückspiegel ab (was bei Liegerädern immer ziemlich doof ist), dann versagte die Schaltnabe. "Deichstraße für Radfaher und Fußgänger ab 15. Oktober gesperrt" verkündeten überdimensionierte Tafeln am Außendeich in Nordkehding. Und das gleich auf 20 km.  Eine Umleitungsempfehlung gab man nicht, so beschlossen wir kurzerhand die Schilder zu "übersehen". Dass pausenlos lärmende Landmaschinen und ein gutes Dutzend vorbeifahrender Autos der heimischen Vogelwelt weniger Schaden zufügen als zwei still vom Rückenwind getrieben dahingleitende Radfahrer erschien uns wenig plausibel. Vielleicht sollte man das Durchfahrverbot überdenken und ein wenig anpassen. 


Freiburg (nicht im Breisgau) - Kaffeepause, Konsolidierung. Meine prinzipiell mögliche Höchstgeschwindigkeit lag bei ca. 18 km/h, auf die Dauer kein haltbarer Zustand. Nach der Elbquerung wollten wir in Glückstadt eine Fahrradwerkstatt aufsuchen und das Problem beheben lassen. Werkstatt Nummer Eins hatte Weihnachtsferien, Werkstatt Nummer zwei hatte Montags immer geschlossen und Werkstatt Nummer drei, eigentlich eine Autowerkstatt, merkte freundlich an, solch eine Schaltung noch nie gesehen zu haben und nur theoretisch zu kennen. In Wilster, da gebe es eine große Fahrradwekstatt, da sollten wir doch Mal vorbei schauen, die können uns sicher helfen. 



Wilster lag auf unserem Weg, den wir bis dort hin, aufgrund aufgeweichter Deichwege noch ein wenig modifizieren mussten. Ein Flugzeugmechaniker (mir lag auf meiner bösen Zunge zu fragen, was er denn verbrochen habe, nun hier in dieser Fahrradwerkstatt geendet zu sein) nahm sich unser an. Zu selten, diese Schaltung, und Ersatzteile gebe es ohnehin nur noch auf dem Gebrauchtmarkt, da SRAM die Produktion dieser Getriebe im vergangenen Jahr eingestellt habe, war die Diagnose. Die Eine oder Andere provisorische Rettungsmaßnahmen wurde noch erwogen, in meiner Vorstellung passten die eher in die Luft und Raumfahrt. Ich erwog, irgendwann wieder zu Hause, mein Ebay zu Rate zu ziehen und das Problem in Ruhe zu lösen. Immerhin konnte man mir mit einem Spiegel dienlich sein, das war fein.


Schon neigte sich der lichte Tag dem Ende zu. Die Zeitumstellung am vergangenen hatte eine weitere Stunde gekostet. Kuchen wäre schön gewesen, musste aber zu Lasten einen Norddeutschen Highlights, der tiefsten Landstelle Deutschlands, ersatzlos gestrichen werden. Jaja, wir haben auch so eine Art Zugspitze, nur eben auf den Kopf gestellt. Man kann nicht gar so weit gucken, aber mit etwas Glück kann man im in nördlicher Richtung oben Schiffe vorbei fahren sehen. 


Das Fährhaus in Burg ist eine fast schon edle Herberge. Die Zimmer waren nett, erlaubten aber leider keinen Blick auf den Nord-Ostsee-Kanal. Diesen hatten wir jedoch beim Abendessen. Holsteinische Schwein, Brechböhnchen mit Speck und Kartoffeln in Stäbchenform schmeckten. Uns beiden lüstete offenbar nach dem Selben. Dazu bot man hausgebrautes Bier und währen wir so da saßen, mit dem Verdauungvorgang begonnen hatten und den Kanal im Auge hatten, durchzuckten Muskelkrämpfe heftige beide Beine. Magnesiummangel, wer es schon einmal erlebt hat, der weiß wovon ich rede und das das kein Spaß ist. Mühsam quälte ich mich zwischen Stuhl und Tischplatte heraus, mit der ernsthaften Absicht nichts umzustoßen und wenig Aufsehen zu erregen. Ein paar Schritte, jetzt bloß keine falsche Bewegung. Den Rest des angefangenen Getränkes nahmen wir stehend am Tresen ein. Zwei Magnesiumtabletten als Erste Hilfe Maßnahme sollten reichen. Um das Gebein geschmeidig zu halten spazierten wir noch ein Stück am Kanal vorbei, Schiffe gucken und das glitzernde Wasser im Mondlicht. Am Ende waren es noch verwegene 10 Kilometer, bis zur Fähre Hochdonn und auf der anderen Kanalseite zurück. Beeindruckend dieser Kanal und ausgesprochen schön der Abend. 


Am nächsten und letzten Tag war dann Schluss mit lustig. Graues, feuchtes, unattraktives Wetter, die Schaltung immer noch defekt und keine rechte, echte, ungetrübte Lust mehr. Die Optionen waren a) Rendsburg / 50 km oder b) Kiel / 100 km. Ich plädierte auf Rendsburg + Kaffee. Mein Vorschlag wurde einstimmig angenommen. An der Schiffsbegrüßungsanlage am Rendsburger Fährhaus (die Schwebefähre ist jetzt seit fast zwei Jahren, nach einer Kollision mit einem Frachter, außer Betrieb) sollte es Kaffee und Kuchen sein. Feiertagshochbetrieb, mit Not ergatterten wir einen Sitzplatz, das war dann auch schon das zu berichtende Positive an der Sache, der Rest bestand zum größten Teil aus warten. Ich schnippte die Kellnerin etwas unfreundlich an, chapeau! sie ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und schnippte genau so unfreundlich zurück. 1:1 das gefiel mir und qualifizierte sie für ein Trinkgeld trotz der widrigen Umstände. Regionalexpress, 50 min bis Hamburg, so schnell geht das. Zu Hause warteten freudig Frauchen, Lotte, ein großer Topf Gulasch und eine heißes Vollbad. Da kann man wirklich nicht meckern und das Gespräch des Abends drehte sich um Fahrradfahren, Osterferien, Frühling und so was......man braucht schließlich im langen, dunklen, norddeutschen Winter etwas, worauf man sich freuen kann.