Freitag, 10. November 2017

Orkane und andere kleine Unannehmlichkeiten



Was im Frühling gut war, dürfte im Herbst nicht schlecht werden, so dachten wir und verabredeten uns locker im Juli, für die Herbstferien, zu einer weiteren, hoffentlich aufregenden, Radtour. Das die nordrheinwestfählischen Herbstferien bis in den November andauern würden, war mir da noch gar nicht bewusst, war ja auch noch wirklich lange hin. Am Ende ist wirklich lange dann doch immer ziemlich kurz. Der diesjährige zusätzliche Feiertag am 31. Oktober, in Verbindung mit dem daraus entstehenden, nicht enden wollenden Wochenende, ließ mich in zwei Wochen vorher panikartig noch schnell drei Hotels buchen, obwohl sich mir der Eindruck aufdrängte, bei booking.com sei immer alles fast ausverkauft und man nehme gerade seine aller aller letzte Chance wahr. Tatsächlich war schon das Hafenhostel in Bremerhaven ausgebucht - wie schade. Eine Bleibe in Balje am westlichsten Zipfel des Landkreises Stade und das Fährhaus am Nord-Ostsee-Kanal in Burg in Ditmarschen sollten noch folgen. Ich klopfte mir selbst auf die Schulter und war sehr zufrieden, auch wenn die Preise leicht über meinem Limit lagen.


Zwei Wochen waren ausreichend Zeit, einen dieser lebensbedrohlichen herbstlichen Männerschnupfen zu überleben. Puh! Das war knapp. Nach erfolgter, unerwarteter Genese hatte ich nur noch wenig Zeit, einen fahrbaren Track für die Reise zu erstellen, die Kette zu fetten, die Reifen aufzupumpen und sieben Schichten Allwetterklamotten in die Fahrradtasche zu stopfen. Man weiß ja nie was einen erwartet. Angekündigt war Sturm, der in der Vorhersage langsam zum Orkan wurde, aber irgendwie nur nachts und eigentlich ganz woanders. Kann solch eine Kleinigkeit jemanden Aufhalten, der gerade einen Männerschnupfen überlebt hat?


Ein starkes Zweierteam waren wir und schon die erste Herausforderung, die Richtigen Fahrkarten für den Metronom nach Bremen zu erstehen, meisterten wir glamourös. Wir folgten, vom Hauptbahnhof , der Weser Richtung Norden, gönnten uns am Stadtrand noch einen Kaffee und scheiterten dann an der zweiten Herausforderung. Ein offensichtlich größeres landwirtschaftliches Gerät hatte auf einem Feldweg tonnenweise Kleie verteilt. Erst subtil wenig, dann kamen die ganz dicken Brocken. Ging es anfangs nur darum, sich auf dem glitschigen Untergrund, nicht auf dem Hosenboden zu setzen, war später klar, hier dreht sich nichts mehr. Nicht mal mehr schieben war möglich - Schlamm, so weit das Auge reicht, und den wird man einfach nicht mehr los. Immer wieder setzten sich Bremsen, Schaltung und Schutzbleche zu. Wir bearbeiteten das Geklebe mit Stöckchen, Gras, Taschentüchern und Wasser aus Pfützen - überwiegend erfolglos und schon bald sahen wir selbst aus wie die Wildschweine nach einem Feiertag. Während wir immer einmal wieder anhielten um uns ein wenig vom Schlamm zu erlösen, frischte der Wind merklich auf und die letzten Kilometer bis Bremerhaven wurden sehr anstrengend. 


Eine Waschanlage musste her - so konnten wir uns in keinem Hotel blicken lassen. Beim zweiten Anlauf hatten wir Glück. Ein freundlicher junger Mann mit Hochdruckreiniger säuberte Mannen und Maschinen zu unserer vollsten Zufriedenheit und zum kleinen Preis. Unser Hotel lag ganz knapp hinter dem "Hallo-Schatzi-möchtest-du-Mal-mitkommen-Stadtteil" - gerade so Glück gehabt - jetzt erst Mal heiß duschen und ein wenig erholen. In der "Letzten Kneipe vor New York" gab´s Scholle Finkenwerder. Der Weg dorthin führte durch besagten Stadtteil und ich vertrieb mir sporadisch die Zeit damit zu erklären, ich sei gar nicht Schatzi und da müsse ein Irrtum vorliegen. Brechend voll war es in der Hafenkneipe. Wir fanden nur noch in einem weniger attraktiven Hinterzimmer Platz. Vorne spielten die drei lustigen Zwei zu Speis und Trank auf. Es war erstaunlich, wie die kleine Kapelle es fertig brachte, das Lokal bis 22:00 Uhr leer zu spielen. Am Ende waren nur noch wir beide dort, aber der Kellner versicherte: "Die spielen immer bis zum letzten Mann". Etwas resigniert zahlten wir die Rechnung und gaben ein gutes Schmerzensgeld. Draußen regnete es waagerecht und die Weser lugte über die Kaimauer. Aus gegebenem Anlass setzten wir auf Taxi. In der Nacht tobte "Herwart" ums Haus und durch die Straßen. Wenn wir lange genug schlafen würden, wäre das schlimmste Wetter überstanden. 


Kräftiger Wind aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Neun Uhr dreißig, Frühstück, Männergespräch: "Hast du Werkzeug dabei?" - "Nö!" - "Du?" - "Nö!" - "Ich dachte du hast!" - "Jo, dachte ich auch!" - "Wird schon nichts passieren, passiert ja sonst auch nix!" - "Jo!"

Nix dauerte etwa 200m. Das schwammige Gefühl am Hinterreifen war unmissverständlich. Keine Luftpumpe, kein Flickzeug. An drei Tankstellen auf dem Weg konnten wir etwas Luft nachpumpen, aber weder Werkzeug noch Flickzeug erstehen. Sonntag Morgen 11:00 Uhr in Bremerhaven und keine Idee, außer..... ADFC. Der Allgemeine deutsche Fahrradclub bietet seinen Mitgliedern einen 24/7 Pannenservice deutschlandweit an (gegen Aufpreis sogar europaweit). Ein bisschen peinlich war es mir schon, wegen eines platten Reifens den Pannendienst zu rufe - kein Problem, beteuerte ein freundlicher Berliner am andern Ende der Leitung, und er würde gleich zurück rufen. Einen Service-Point gebe es, wo ich alles nötige vorfinden werde und der Abschleppwagen komme auch gleich. Windgeschützt in einem Busshäuschen sitzend in die Sonne blinzelnd fiel die Wartezeit nicht lang. Ein ausgewachsener Abschleppwagen fuhr an, der Fahrer zurrte mein Rad auf die Ladefläsche und schon ging es los. Mir war immer noch peinlich zu Mute. Wir rollten bei der vorgesehenen Adresse im Hafen vor, Haus Nr. 5, ein Fischrestaurant. Der Angestellte am Hintereingang schaute mich etwas ungläubig an, wollte aber noch seinen Chef zu Rate ziehen. Auch dieser beteuerte glaubhaft, nicht im Besitz von Fahrradflickzeug zu sein, könne aber alternativ einen guten frischen Fisch anbieten. Ratlosigkeit. Der Abschlepper musste weiter, wollte mich aber nicht einfach aussetzen. Was niemand wusste und auch niemand einfach hätte herausfinden können, die 5 war ein Fehler im System, es hätte die 6 sein sollen, und die war nicht gleich nebenan, sondern auf der anderen Seite vom Kai. Werkzeugschrank, Ersatzschlauch, Luftpumpe, alles am Tresen der Touristeninfo gegenüber. Geht doch! Der freundliche Herr vom ADFC, der sich zwei Stunden später noch einmal nach meinem Wohlergehen erkundigte hatte auch keinen Plan, wie so etwas passieren konnte und erst recht nicht, wie man den Systemfehler beheben kann. 


Zu jener Zeit saßen wir in der Regionalbahn nach Cuxhaven, das gebot die nunmehr fortgeschrittene Tageszeit und der Reststurm. Bei der Fahrkartenkontrolle merkte der Kartineur in einem ausgedehnten (er stotterte) Nebensatz an, der Zug würde sicher nicht bis Cuxhaven durchkommen und irgendwas von Güterzug und Baum. Bei einem Zwischenhalt wurde dem Triebwagenführer eine warme Mahlzeit in die Bahn gebracht. Die Szene erinnerte mich ein wenig an "Mord mit Aussicht" und "Hengasch". Derart gestärkt erreichte unser Gefährt auf wundersame Weise doch noch Cuxhaven Hauptbahnhof. Erfreut über den Zeitgewinn beschlossen wir an der Klappbrücke am Hafen auf die Schnelle eine Crepe und eine ToGo Kaffee zu uns zu nehmen. Lecker aber mühsam, der Crepe flatterte und der Kaffee wurde aus den Bechern geblasen. 



Rückenwindgetrieben sausten wir durch das gerade erst von den Fluten freigegebene Deichvorland Richtung Osten. Die See tobte in der Elbmündung und neben dem zeitweiligen betrachtens des wilden Treibens war die Konzentration darauf gerichtet, nicht von der Spur ab zukommen und keine angespülten Äste zu überfahren. Welch aufregend langer Tag, es war schon stockdunkel als wir unser Hotel erreichten. 


Das Personal war hyperfreundlich, die Dusche heiß, das Essen gut, das Frühstück grandios und das Beste war, es gab keine Musik. Der Morgen war blau und klar, feinstes Fahrradwetter. Zunächst brach mir der Rückspiegel ab (was bei Liegerädern immer ziemlich doof ist), dann versagte die Schaltnabe. "Deichstraße für Radfaher und Fußgänger ab 15. Oktober gesperrt" verkündeten überdimensionierte Tafeln am Außendeich in Nordkehding. Und das gleich auf 20 km.  Eine Umleitungsempfehlung gab man nicht, so beschlossen wir kurzerhand die Schilder zu "übersehen". Dass pausenlos lärmende Landmaschinen und ein gutes Dutzend vorbeifahrender Autos der heimischen Vogelwelt weniger Schaden zufügen als zwei still vom Rückenwind getrieben dahingleitende Radfahrer erschien uns wenig plausibel. Vielleicht sollte man das Durchfahrverbot überdenken und ein wenig anpassen. 


Freiburg (nicht im Breisgau) - Kaffeepause, Konsolidierung. Meine prinzipiell mögliche Höchstgeschwindigkeit lag bei ca. 18 km/h, auf die Dauer kein haltbarer Zustand. Nach der Elbquerung wollten wir in Glückstadt eine Fahrradwerkstatt aufsuchen und das Problem beheben lassen. Werkstatt Nummer Eins hatte Weihnachtsferien, Werkstatt Nummer zwei hatte Montags immer geschlossen und Werkstatt Nummer drei, eigentlich eine Autowerkstatt, merkte freundlich an, solch eine Schaltung noch nie gesehen zu haben und nur theoretisch zu kennen. In Wilster, da gebe es eine große Fahrradwekstatt, da sollten wir doch Mal vorbei schauen, die können uns sicher helfen. 



Wilster lag auf unserem Weg, den wir bis dort hin, aufgrund aufgeweichter Deichwege noch ein wenig modifizieren mussten. Ein Flugzeugmechaniker (mir lag auf meiner bösen Zunge zu fragen, was er denn verbrochen habe, nun hier in dieser Fahrradwerkstatt geendet zu sein) nahm sich unser an. Zu selten, diese Schaltung, und Ersatzteile gebe es ohnehin nur noch auf dem Gebrauchtmarkt, da SRAM die Produktion dieser Getriebe im vergangenen Jahr eingestellt habe, war die Diagnose. Die Eine oder Andere provisorische Rettungsmaßnahmen wurde noch erwogen, in meiner Vorstellung passten die eher in die Luft und Raumfahrt. Ich erwog, irgendwann wieder zu Hause, mein Ebay zu Rate zu ziehen und das Problem in Ruhe zu lösen. Immerhin konnte man mir mit einem Spiegel dienlich sein, das war fein.


Schon neigte sich der lichte Tag dem Ende zu. Die Zeitumstellung am vergangenen hatte eine weitere Stunde gekostet. Kuchen wäre schön gewesen, musste aber zu Lasten einen Norddeutschen Highlights, der tiefsten Landstelle Deutschlands, ersatzlos gestrichen werden. Jaja, wir haben auch so eine Art Zugspitze, nur eben auf den Kopf gestellt. Man kann nicht gar so weit gucken, aber mit etwas Glück kann man im in nördlicher Richtung oben Schiffe vorbei fahren sehen. 


Das Fährhaus in Burg ist eine fast schon edle Herberge. Die Zimmer waren nett, erlaubten aber leider keinen Blick auf den Nord-Ostsee-Kanal. Diesen hatten wir jedoch beim Abendessen. Holsteinische Schwein, Brechböhnchen mit Speck und Kartoffeln in Stäbchenform schmeckten. Uns beiden lüstete offenbar nach dem Selben. Dazu bot man hausgebrautes Bier und währen wir so da saßen, mit dem Verdauungvorgang begonnen hatten und den Kanal im Auge hatten, durchzuckten Muskelkrämpfe heftige beide Beine. Magnesiummangel, wer es schon einmal erlebt hat, der weiß wovon ich rede und das das kein Spaß ist. Mühsam quälte ich mich zwischen Stuhl und Tischplatte heraus, mit der ernsthaften Absicht nichts umzustoßen und wenig Aufsehen zu erregen. Ein paar Schritte, jetzt bloß keine falsche Bewegung. Den Rest des angefangenen Getränkes nahmen wir stehend am Tresen ein. Zwei Magnesiumtabletten als Erste Hilfe Maßnahme sollten reichen. Um das Gebein geschmeidig zu halten spazierten wir noch ein Stück am Kanal vorbei, Schiffe gucken und das glitzernde Wasser im Mondlicht. Am Ende waren es noch verwegene 10 Kilometer, bis zur Fähre Hochdonn und auf der anderen Kanalseite zurück. Beeindruckend dieser Kanal und ausgesprochen schön der Abend. 


Am nächsten und letzten Tag war dann Schluss mit lustig. Graues, feuchtes, unattraktives Wetter, die Schaltung immer noch defekt und keine rechte, echte, ungetrübte Lust mehr. Die Optionen waren a) Rendsburg / 50 km oder b) Kiel / 100 km. Ich plädierte auf Rendsburg + Kaffee. Mein Vorschlag wurde einstimmig angenommen. An der Schiffsbegrüßungsanlage am Rendsburger Fährhaus (die Schwebefähre ist jetzt seit fast zwei Jahren, nach einer Kollision mit einem Frachter, außer Betrieb) sollte es Kaffee und Kuchen sein. Feiertagshochbetrieb, mit Not ergatterten wir einen Sitzplatz, das war dann auch schon das zu berichtende Positive an der Sache, der Rest bestand zum größten Teil aus warten. Ich schnippte die Kellnerin etwas unfreundlich an, chapeau! sie ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen und schnippte genau so unfreundlich zurück. 1:1 das gefiel mir und qualifizierte sie für ein Trinkgeld trotz der widrigen Umstände. Regionalexpress, 50 min bis Hamburg, so schnell geht das. Zu Hause warteten freudig Frauchen, Lotte, ein großer Topf Gulasch und eine heißes Vollbad. Da kann man wirklich nicht meckern und das Gespräch des Abends drehte sich um Fahrradfahren, Osterferien, Frühling und so was......man braucht schließlich im langen, dunklen, norddeutschen Winter etwas, worauf man sich freuen kann. 


Montag, 16. Oktober 2017

Someer



Wäre mal der Sommer so gewesen, dachte ich bei mir, während ich an Karpfenteichen vorbei, wohlgelaunt geradewegs Richtung Ostsee strampelte. Der Trick funktioniert immer: beim Augenaufschlag umgehend per Handy ein Bahnticket buchen. Geiz besiegt Schweinehund in jedem bisher bekannten Fall. Nötig war das heute allerdings nicht, schließlich war ein echter Sommertag angekündigt und tatsächlich ließ das Wetter sich nicht lumpen. Ganz genau hinspüren musste man, um festzustellen, dass Mitte Oktober ist. 


Lotte war entsetzt, als wir am Bahnhof ankamen. Bahn fahren zählt bekannter Weise nicht zu ihren liebsten Beschäftigungen. Herzchenrasen und Hecheln sind die unmittelbaren Folgen. Die Fahrt in das Karpfenstädchen Reinfeld ist nur kurz, aber gleich drohte weitere Widrigkeit. Ungefrühstückt steuerte ich die erstbeste Bäckerei an und musste das Zotteltier ganz ganz kurz alleine lassen um mich mit dem nötigsten zu versorgen, was sogleich tierchenseits einen Jaulkrampf hervorrief und eine Gruppe von Rentnern auf den Plan rief: "Ja was hat es denn, ja was ist denn los, ja was muss es denn, ja....." Mit einer Scheibe Salami gelang es mir umgehend das Geräusch abzustellen.


Das war es dann auch schon. Lotte war ausgesprochen brav. Sieht man einmal vom zusätzlichen Gewicht ab, merkt man die kleine Beifahrerin überhaupt nicht. Während Joschi stets die eine oder andere Kunstturneinlage auf dem Sozius vollführte liegt Lotte still aber aufmerksam da und rührt sich nicht. 



Blauer Himmel, sachter Wind von Achtern, sommerliche Temperaturen, der Weg zum Timmendorfer Strand fiel kurz. Ich betrachtete die Menschenschlage am Tresen des Fischbrötchenbäckers in Niendorf und dachte bei mit, das müssen wir uns nicht antun, wir können auch ohne Fischbrötchen fröhlich sein. Herbstferien! Ein leichter Groll zog in mir auf, Montag ist eigentlich der Tag, an dem ich die Welt für mich alleine habe. Slalom auf der Strandpromenade, die Seebrücke wollte ich mir dennoch nicht entgehen lassen. Es gibt noch Wunder, z.B. eine freie Holzliege draußen auf dem Meer. Lotte nahm auf meinem Bauch Platz. Wir ließen uns lange Zeit von den Sonnenstrahlen kitzeln, blendeten das Treiben um uns herum aus und mir kam der Gedanke, das hier sei einer der schönsten Plätze auf der Welt. 


Ich wollte Lotte das Brodtener Ufer nicht vorenthalten. Alles blau, so weit das Auge reicht, bis auf die kleinen weißen Segel am Horizont. In Travemünde steppte der Bär, oder etwas ähnliches, gesehen hätte man ohnehin nichts davon, weil sich auch hier Menschenmassen über die Strandpromenade schoben. Ich wisch über einen Parkplatz aus, an Radfahren war da nicht zu denken. Denken hätte ich mir auch können, dass bei Niederegger in der Sonne kein Platz für uns mehr war. Nicht nur bei Niederegger in der Sonne war kein Platz mehr für uns, es war tatsächlich nirgendwo ein Plätzchen zum angenehmen verweilen bei Kaffee und Kuchen in Travemünde. Welch ein Elend!



Etwas zerknirscht zog ich weiter nach Lübeck, kaufte an der Tanke bei Plaza einen halben Liter Kakao und ein Twix (oder heißen die gerade wieder Raider), setzte mich auf einen gelb angemalten Stein und schaute über die Blechlawine quer über den Parkplaz der Sonne beim sinken zu. Man muss halt flexibel sein. Auf der Rückfahrt im Zug hatte es sich bei Lotte schnell ausgehechelt - sie war fix und fertig vom Tag - einem schöner Sommertag. 







Freitag, 22. September 2017

Alter Schwede


Einen Tag vor der Reise kam Lotte zu uns, so wurde es im April schon besprochen. Zeit und Muße wollten wir haben, das quirlige Bolonka Zwetna Mädchen kennen zu lernen. Tatsächlich - man hätte es ahnen können, war die Sache ausgesprochen turbulent und aufregend. Schon die letztendliche Wahl des Urlaubszieles, Schweden, war von Lotte bestimmt. Den ursprüngliche Plan, nach Norwegen zu reisen, hatten wir, aufgrund der schwierigeren Einreise mit Hund, irgendwann verworfen. 


Ich hatte bei der Planung diesen Pipilangstrumpfsommer im Kopf. Felder, Wiesen, Seen, Holzhäuser, Sonne - alles da, bis auf den Sommer. Beim alljährlichen großen Urlaubs-, Wohnmobil, Hunde- und Sonstigeterminepuzzle kristallisierte sich als Zeitraum für die Reise ab dem letzten Augustdrittel heraus. 


Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nein, nicht das wir einen verregneten Urlaub gehabt hätten, im Gegenteil, aber es war Herbst in Skandinavien. Der Wind blies, Wolken eilten über den Himmel, ab und an tröpfelte es ein wenig und manchmal war es auch Sonnig und warm. Insgeheim hatte ich mir mehr erhofft. Die Vorteile darf man jedoch auch nicht verschweigen. Auf der Autobahn kamen uns Kolonnen von Wohnmobilen Richtung Süden entgegen und gefühlt hatten wir Schweden für uns alleine. 


Täglich fanden wir ohne große Mühe einen Stellplatz wie wir ihn so lieben. Weit und breit kein Mensch, himmlische Ruhe oder alternativ Meeresrauschen und kreischende Möwen. Intuition, Google Maps und ein wenig Ausdauer führten immer zum Ziel und die Ansprüche waren wahrlich hoch. Einen Campingplatz haben wir in den drei Wochen  nicht vermisst. Nach kurzem "eingrooven" klappte das mit dem Ver- und Entsorgen reibungslos und ein "Örtchen" findet man in Schweden überall. 


Unsere Reiseroute führte van Hamburg aus gradeweg nach Norden, dann über Fyn und Saeland nach Malmö, Ystadt stand auf dem Plan. Der weithin karge Insel Öland widmeten wir ein paar Tage, bevor wir tief in den Wald bei Oskarhamn fuhren. Kontrastprogramm dazu gab es in Stockholm. Der um diese Jahreszeit schon verlassene Göta-Kanal hatte unsere Aufmerksamkeit. Fjorde und Schären an der Westküste, Göteborg, Kungsbacka, und dann wieder Fyn, diesmal an der nordöstlichsten Spitze. 


Schweden ist nie umwerfend, aber durchweg lieblich und die Menschen kühl freundlich. Vielleicht war das auch der Grund, warum es uns wieder so Weit getrieben hat. Da muss doch noch etwas kommen, da muss doch noch was sein? Nein, man sucht vergeblich und hat doch schon alles was man braucht. Auch diesmal sind wir wieder in die Fernwehfalle getappt. Erlebnishunger vs. Erholungsbedürfnis - wir haben leider wieder verloren. 


Die Küsten sind endlos lang, und irgendwie überall schön, einen einsamen See findet man immer hinter der nächsten Kurve und Trollverhexten Wald gibt es auch mehr als genug. Die Städte sind gemütlich aber auch lebendig und modern - nach 4.000 km wissen wir es, aber hätten nicht auch 2.000 gereicht? Hätte ich nicht doch lieber noch ein paar Stunden länger in der Sonne sitzen sollen und ein Buch lesen oder aufs Meer schauen. Ja! aber ich bin einfach ein hoffnungsloser Vagabund.


Lotte war unser großes Glück auf der Reise. Quirlig, lernfreudig, erschreckend selbstständig, reisetauglich, witzig, lieb, genügsam. Sie muss wohl gedacht haben, das Leben ist ab jetzt eine große Reise. Nach drei Wochen jedenfalls, wußten wir schon recht genau, wo der Hase längsläuft und wo wir unbedingt noch dran arbeiten müssen. Die Trauer um Joschi ist auch jetzt noch nicht überwunden, aber wir freuen uns über einen tollen neuen Hund. 


Schweden, das Land, das das Bargeld abgeschafft hat, das Land der gemütlichen Landstraßen, das Land der Kanelbullar, das Land der Millionen Bademöglichkeiten, das Land von Kurt Wallander und der Plumsklos ich habs in mein Herz geschlossen und muss irgendwann noch mal mit Fahrrad, Zelt und Minimalgepäck hier her, um noch näher am Land zu sein. 



Für die nächste große Reise droht der Zwiespalt. Lofoten, die einsamen, die schönen, und ein weiteres Mal auf den Sommer verzichten? Oder doch endlich wieder irgendwo hin, wo man von der Sonne gestreichelt wird? Für mich alleine hätte ich die Entscheidung schnell gefällt.









Montag, 11. September 2017

Blonka mit Fahrrad


Nach mehr als drei Wochen Reise und einer kurzen Eingewöhnungsphase hier zu Hause, war eine der drängensten Fragen in unserer kleine Welt, wie sich Lotte mit dem Fahrrad anfreunden würde. Bei Joschi verlief der Start damals eher holprig. Im wahrsten Sinne des Wortes machte er sich zunächst in die Hosen vor Angst - das war eine nette Sauerei. Zwei Stürze ganz zu Anfang hatten sein Vertrauen in dieses Fahrgerät nachhaltig zerstört. Es war wohl nur seinem innigen Wunsch, stets bei mir zu sein zu verdanken, dass ich ihn überhaupt irgendwann wieder mitnehmen konnte. Und wie sieht das mit Lotte aus? 


Man kann es leicht verderben, wie ich nun aus Erfahrung weiß. Kleine Schritte waren angesagt, Trockenübungen auf der Terrasse mit Geschirr und Körbchen, Körbchen mit Lotte hochheben, Fahrrad zeigen, Körbchen auf Fahrrad, loben, schieben, loben, schieben, draufsetzen, losfahren, loben.....Lotte zeigte sich durchweg unbeeindruckt, aber interessiert an der mühelosen Bewegung durch die Landschaft. Schnell war klar, eine Runde um die Alster ist drin. Und da war es auch schon wieder: "Ohhhhh! Guck mal, guck mal, guckmal der süße Hund da ....!" Mein Grinsen war breit und ich war überaus glücklich, dass Lotte Fahrradfahren spontan mag. Dann dürfte nun einem größeren Ausflug nichts mehr im Wege stehen (außer die Wetteraussichten für die nächsten Tage)




Donnerstag, 24. August 2017

Lange Jan



Nicht, das ich heute Morgen nicht schon einmal dort gewesen wäre, aber wie sagt man doch so schön, wo man nicht aus eigener Kraft hin gekommen ist, da ist man auch nicht gewesen. So brannte es mir also den ganzen Tag unter den Fußsohlen, das Wohnmobil irgendwo abzustellen und noch einmal zum Leuchtturm an der Südspitze Ölands hinunter zu fahren.


Schnurgerade gen Westen führte mich mein Weg einmal quer über die Insel. Das umgebende Nichts fühlte sich großartig an, ich hielt einen Moment an, um es auf einer Steinmauer sitzend zu verinnerlichen. Eine junge Frau mit Hollandrad tat es mir ein paar Meter weiter gleich. "Hey!" - "Hey!" skandinavisch freundliches nicht Stören. Nach einem Schluck aus der Wasserflasche startete ich wieder durch. 


Der weitere Weg nach Süden führte mich zunächst in eine Baustelle, dann auf Geheiß einens freundlichen Bauarbeiters einen steilen Schotterweg hinauf, über eine Treppe, hinein in ein Kunstwerk?, über einen Zaun, zu einem Bauernhof und dann tatsächlich wieder auf die Straße. Selbstverständlich war überwiegend Fahrrad tragen angesagt, aber ich habe ja Urlaub und entsprechend Zeit. An einer Mauer, die König Karl X Gustav errichten ließ, damit sein Jagdwild nicht zu Jagdwild von wem auch immer werde, gesellte siche ein junger Schwede zu mir. Von der Mauer über mein seltsames Farrad gelangten wir über die deutsche Wiedervereinigung, diversen Schwedenkriegen hin zur europäischen Flüchtlingspolitik. Wow...eine Stunde Konversation in englischer Sprache und ich hatte (irgendwie) gesagt was ich sagen wollte, meine Begeisterung war groß. Ob ich noch mit auf ein Bier kommen wolle? Nein, nein, mein letztes Bier ist 10 Jahre her und außerdem muss ich zurück bevor es dunkel wird. Tusen Tack!


Die letzten Kilometer zum Leutturm warn gleichermaßen anstrengend und schön. Gegenwind machte mir zu schaffen, aber die überaus bunte Mischung aus Weide, Meer, Steine, Schafe, Kühe, Sonne, Wolken, Gänse, Schwäne und ja, ganz hinten auch Robben im Watt, bei weitestgeheder Abwesenheit von Menschen, war ein Hochgenuß.


Ziemlich glücklich, bei theoretischem Rückenwind (der hatte derweil aufgehürt zu blasen) begab ich mich wieder Richtung Norden. So langsam stellt sich wieder dieses Hochgefühl ein, das ich immer in Skandinavien bekomme, manchmal kommt es auch schon, wenn ich nur an den Norden denke.






Mittwoch, 16. August 2017

Lotte

the artist formerly known as Ivy vom Labussee




Lotte ist da! Ja, es ist wie es ist, und so wie Loriot es einst andeutete - "Ein Leben ohne Hund* ist denkbar, aber sinnlos." Nein, es ist kein Pinscher, es ist absichtlich kein Pinscher. Joschi bleibt unerreichbar Joschi und nach angemessener Trauerzeit soll nun etwas ganz neues, anderes, frisches folgen....


Voila! Lotte! - Buntes Schoßhündchen, oder, im original auf russisch, Bolonka Zwetna. Die quirlige Hundedame ist 5 Jahre alt, reichlich unerzogen, aber sehr interessiert und mit Leckerli und Bauchkraulen offenbar für alles zu haben. Fortsetzung folgt.....


*Mops

Montag, 7. August 2017

Die Nacht


Die Nacht war über Jahr(zehnte) meine bevorzugte Tageszeit. Das hat sich deutlich verändert. Menschenmassen und allem was laut und grell ist, gehe ich derweil ganz gezielt aus dem Weg. Stille und sanftes Licht sind in den Fokus geraten, der frühe Morgen, aber manchmal ruft auch die Nacht. 


Es gibt kaum eine verrückte Idee, für die man keinen Mitstreiter findet. Sollte diese Theorie jemals widerlegt werden, so bin ich gerne auch verrückt genug meinen Weg alleine zu gehen. Oft bestehe ich sogar darauf. An diesem Samstag Abend jedoch starteten wir zu zweit. Kurz nach Sonnenuntergang, Hamburg-Dömitz-Hamburg, die Nacht hieß uns freundlich willkommen. 




Es sollte meine längste Tour seit über einem Jahr werden. Ein wenig aufregend ist das dann doch immer, aber ganz gemütlich padalierten wir los. Nach wenigen Metern fiel auf, dass mein Scheinwerfer sich in jedem Schlagloch verstellte. Die Befestigung musste etwas überarbeitet werden, gutes Licht ist das A und O bei Nacht. Dies sollte jedoch nur die erste Panne in dieser Nacht sein, im weiteren Verlauf mahlte mein hinteres Radlager zeitweise wie Omas Kaffeemühle und am Velomobil gab es einen aufwändigen Reifenschaden. Nichts dabei, was nicht tolleriert oder behoben hätte werden können, jedoch kostete es einiges an Zeit. 


An der Stadtgrenze war das letzte Tageslicht erloschen. Der fast volle Mond begeisterte und tauchte die Landschaft in ein wundervolles Licht, dass mehr Fragen stellte als Antworten gab. Wildschweinrudel richen kräftig nach Maggi im Vorbeifahren, auch wenn man sie weder hört noch sieht. Auf einem Aussichtsturm in den Elbauen machen wir eine Pause. Wasser, Dunst, Wald, Felder, nie gehörte Geräuche. Es ist kalt geworden, 11° zeigt das Therometer, darauf war ich gar nicht eingerichtet, nur das Ersatz T-Shirt konnte ich noch überziehen.


Kein Mensch, kein Auto, viele Kilometer, Stunde um Stunde, schweigsam fahren wir nebeneinander her. Die Nacht hat 1.000 Augen, sie sehen dich, sie starren dich an. Gegen 4:00 Uhr verschwand der Mond vom Nachthimmel. Es wurde schlagartig dunkler und Venus im Osten legte sich mächtig ins Zeug, wärend schon ein paar vorwitzige Perseiden im Süden verglühten. Kurz darauf der ersehnte Silberstreif am Horizont. Ich war müde und mir war kalt. Nachts fahren fordert die Sinne. Ein stündchen Schlaf wäre jetzt gut gewesen, Tau und spatzengroße Mücken ließen uns jedoch davon Abstand nehmen. Gegen 5:00 Uhr erreichten wir den Scheitelpunkt der Tour, die Elbbrücke in Dömitz. 


Um 6:00 Uhr sollte es Frühstück beim Bäcker in Hitzacker geben. Ich hatte mich bei zwei unabhängigen Quellen über die Öffnungszeiten Informiert. Der guten Dinge wären wohl drei gewesen, jedenfalls standen wir vor verschlossener Tür. Ganz pragmatisch versuchten wir nun, in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen, das Velomobil zu reparieren. Erstaunlich was da alles heraus fällt, wenn man es auf den Kopf stellt. Bäckerei 2. Anlauf, 7:30 Uhr, wir stehen ganz weit hinten in der Schlange der Brötchenhungrigen - dabei waren wir doch die Ersten. 


Die Gebirge um Hitzacker sind bei Radfahrern in Norddeutschland berüchtigt. Es war mein 1. Mal, aber jetzt weiß ich aus eigener Erfahrung, warum man besser die gegenüberliegende Elbseite benutzt, oder einen großen Bogen durch das Wendland macht. Zwei mal reichte die Übersetzung nicht, und wir mussten schieben. Marathon just in Time. Trotz längerer (Zwangs-)pausen schafften wir die Marathondistanz in gut 13 Stunden. 


Drei Kranische zogen vorüber, Graugänse übten den Formationsflug, Schwalben jagten über den Deich. Ich fühlte mich nicht gut. Schlafmangel, Außenbänder rechts, der linke Fußknöchel, ein paar Mückenstiche, nennenswerter Gegenwind auf den letzten 100 km  - alles erträglich, aber eben nicht mehr gut. Vielleicht steckten mir auch noch die 170 km von Montag in den Knochen?


So waren die letzten 50 km dann auch nur noch ein eher mittelgemütliches nach Hause rollen mit verminderter Geschwindigkeit. Aber wenn du dann in einer heißen Wanne Schaumdad liegst, teilnahmslos an die Decke starrst und ab und an einen Schluck kühles Nass herunterspühlst, dann denkst du auf einmal: "Wow! War das eine Nacht!" am schönsten Fluss der Welt....








Dienstag, 1. August 2017

Hundstag



Hundstage sind die heißesten Tages des Jahres, Ende Juli, Anfang August wird es oft über einen längeren Zeitraum sehr heiß. Nun könnte man meinen, es sei dann den Hunden zu heiß - gefehlt, der Begriff kommt aus der Astronomie und selbst die astronomische Realität ist nicht mehr gegeben. Lange Rede, sehr kurzer Sinn: Wir hatten in Norddeutschland auch mal einen Hundstag heute. 



Nachdem die vergangenen Wochen (und vor allem deren Enden) wahlweise mit gruselig schlechtem Wetter, oder mit kulturellen und sozialen Notwendigkeiten belegt waren, wollte ich heute noch mal Fahrradfahren, weit, viel.... Kiel stand gestern noch auf dem Programm, mal was neues ausprobieren, heute morgen schreckte mich die lange Bahnfahrt und der zugehörige Obolus davon ab. Nach so langer Zeit erschien mir bewährt und gut attraktiver als neu und aufregend. 



Mit der S-Bahn nach Aumühle, das war vorstellbar, und dann mal sehen. Mal sehen heißt dann irgendwann Elbe - was sonst? Gegen Mittag war die Bahn leer und am Aufzug in Aumühle prangte ein großes Schild "Außer Betrieb". Es währe ja auch zu schön gewesen. 



Ich sinnierte, wie ähnlich das vormalige Zonenrandgebiet doch der Zone war. Platte Hüben wie Drüben, man wollte sich schließlich nicht lumpen lassen. Ich kam zügig gen Osten voran. Ein feiner Schweißfilm überzog die Haut. Umundzu 30 Grad zeigte mein Thermometer, wobei am Himmel attraktive Wolkentürme vorüber zogen. Bei dieser Konstellation benötigt man erfahrungsgemäß 2 Liter Flüssigkeit / 100 km.


Eispause an der Boitze. Sonne, Ruhe, abhängen im Hafen - dann folgt der schönste Abschnitt meiner heutigen Tour, der schmale Landstrich zwischen Sude und Elbe. Schon ganz früh im Jahr hatte ich hier auf einer Tour gegen orkanartige Winde angekämpft, nun wollt ich wissen, wie schön es dort wirklich ist. Ein Aussichtsturm lädt ein zum Blick über das weite flache Land. Eine alte schmale Deichstraße schlängelt sich entlang der Sude, Fachwerkhäuser, Reetdächer, DDR Panzerstraßen, kaum zu befahren mit schmalen Renradreifen. 


Die Sude führt nach den starken Regenfällen in den letzten Tagen Hochwasser, die Ausblicke links und rechts des Weges sind famos. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. In Neuhaus rief mir jemand hinterher "Pass auf, dass du nicht einschläfst" - wie oft habe ich das schön gehört. Irgendwann ist es nicht mal mehr lustig. Der Weg zur Fähre nach Darchau führt kilometerlang schnurgerade auf die Elbe zu. Für zweifufzisch wird man hinüber gefahren.


Ein kleiner Supermarkt kam mir gerade recht. Höchste Zeit, trinkbares nachzufüllen. Eine Packung Kekse wanderte auch noch in den Einkaufskorb. Die Pause fand seltsam unromantisch im Schatten auf dem Parkplatz statt. Nächste relevante Bahnstation war Lüneburg, knapp 40 km entfernt. Nach Hause waren es noch 80+ Kilometer. Ich entschied mich für die 2. Variante. Ich entscheide mich fast immer für die 2. Variante.


Windstille, dahin gleiten, Elbe gucken, die Strecke war eine alte Bekannte, eine schöne Bekannte. Am Schild, das Kaffee und Kuchen anpries war ich schon ein ganzes Stück vorbei, als ich mich besann. Die Wirtin eines Landgasthofes, dessen beste Zeit mindestens 50 Jahre vorüber waren servierte Apfelkuchen, dann setzte sie sich zu mir in den Schatten. 78 sei sie, wir sprachen übers Wetter, dann darüber, dass unlängst ein Stammgast an Tuberkulose gestorben sei, dann über die vielen Ausländer, die all die Krankheiten einschleppen würden. Ich fragte dann noch, wie viele Ausländer es denn hier gebe? Keine! Ach? Dann brichtete ich noch, dass dort wo ich Wohne überwiegend Ausländer wohnen und ich mich eigentlich ganz gesund fühle. Auch hätte ich in letzter Zeit keine Veränderungen feststellen können. Aber die Ausländer könne man ja nicht einfach so herein lassen, wenn sie krank seien. Meine Gegenfrage, wo man sie denn hin tun sollt und was man mit kranken Nichtausländern anstellen müsste, überforderten sichtlich. Ich bezahlte meine Schuld atmete drei Mal durch und widmete mich der in nun absehbarer Zeit untergehenden Sonne. 


Lauenburg, Elbschleuse Geesthacht, dann ein Stück auf dem Deich und hinüber zum Marschbahndamm, kurz überlegte ich noch, ob ich nicht vielleicht die 200 km heute noch voll machen sollte. Der sich abzeichnende Sonnenbrand und ein aufgescheuerter Oberschenkel ließen mich jedoch von der Idee Abstand nehmen. 


Hundstage, Hund..... 10 Wochen ist Joschi jetzt tot. Es ist immer noch schlimm, manchmal. Manchmal erwischt es mich, wenn ich gar nicht damit rechne. Wie viele Tausend Kilometer wir wohl gemeinsam Rad gefahren sind? Immer den Wind um die Nase, immer ganz aufmerksam, schließlich könnte uns ja ein Schaf oder gar ein Kaninchen begegnen. Nun radelt er wohl im Hundehimmel....hoffentlich! 


Das Leben geht weiter, die vielen wundervollen Erinnerungen bleiben. Ein Leben ohne Hund ist kein richtiges Leben. Die Entscheidung ist schon lange gefallen, die Trauerzeit ist vorbei - in zwei Wochen kommt Lotte. Lotte, ganz neu, ganz anders - ob sie wohl Fahrradfahren mag? Wir werden es herausfinden. 170 km - Hamburg - sundown - morgen regnet es wieder.