Mittwoch, 16. August 2017

Lotte

the artist formerly known as Ivy vom Labussee




Lotte ist da! Ja, es ist wie es ist, und so wie Loriot es einst andeutete - "Ein Leben ohne Hund* ist denkbar, aber sinnlos." Nein, es ist kein Pinscher, es ist absichtlich kein Pinscher. Joschi bleibt unerreichbar Joschi und nach angemessener Trauerzeit soll nun etwas ganz neues, anderes, frisches folgen....


Voila! Lotte! - Buntes Schoßhündchen, oder, im original auf russisch, Bolonka Zwetna. Die quirlige Hundedame ist 5 Jahre alt, reichlich unerzogen, aber sehr interessiert und mit Leckerli und Bauchkraulen offenbar für alles zu haben. Fortsetzung folgt.....


*Mops

Montag, 7. August 2017

Die Nacht


Die Nacht war über Jahr(zehnte) meine bevorzugte Tageszeit. Das hat sich deutlich verändert. Menschenmassen und allem was laut und grell ist, gehe ich derweil ganz gezielt aus dem Weg. Stille und sanftes Licht sind in den Fokus geraten, der frühe Morgen, aber manchmal ruft auch die Nacht. 


Es gibt kaum eine verrückte Idee, für die man keinen Mitstreiter findet. Sollte diese Theorie jemals widerlegt werden, so bin ich gerne auch verrückt genug meinen Weg alleine zu gehen. Oft bestehe ich sogar darauf. An diesem Samstag Abend jedoch starteten wir zu zweit. Kurz nach Sonnenuntergang, Hamburg-Dömitz-Hamburg, die Nacht hieß uns freundlich willkommen. 




Es sollte meine längste Tour seit über einem Jahr werden. Ein wenig aufregend ist das dann doch immer, aber ganz gemütlich padalierten wir los. Nach wenigen Metern fiel auf, dass mein Scheinwerfer sich in jedem Schlagloch verstellte. Die Befestigung musste etwas überarbeitet werden, gutes Licht ist das A und O bei Nacht. Dies sollte jedoch nur die erste Panne in dieser Nacht sein, im weiteren Verlauf mahlte mein hinteres Radlager zeitweise wie Omas Kaffeemühle und am Velomobil gab es einen aufwändigen Reifenschaden. Nichts dabei, was nicht tolleriert oder behoben hätte werden können, jedoch kostete es einiges an Zeit. 


An der Stadtgrenze war das letzte Tageslicht erloschen. Der fast volle Mond begeisterte und tauchte die Landschaft in ein wundervolles Licht, dass mehr Fragen stellte als Antworten gab. Wildschweinrudel richen kräftig nach Maggi im Vorbeifahren, auch wenn man sie weder hört noch sieht. Auf einem Aussichtsturm in den Elbauen machen wir eine Pause. Wasser, Dunst, Wald, Felder, nie gehörte Geräuche. Es ist kalt geworden, 11° zeigt das Therometer, darauf war ich gar nicht eingerichtet, nur das Ersatz T-Shirt konnte ich noch überziehen.


Kein Mensch, kein Auto, viele Kilometer, Stunde um Stunde, schweigsam fahren wir nebeneinander her. Die Nacht hat 1.000 Augen, sie sehen dich, sie starren dich an. Gegen 4:00 Uhr verschwand der Mond vom Nachthimmel. Es wurde schlagartig dunkler und Venus im Osten legte sich mächtig ins Zeug, wärend schon ein paar vorwitzige Perseiden im Süden verglühten. Kurz darauf der ersehnte Silberstreif am Horizont. Ich war müde und mir war kalt. Nachts fahren fordert die Sinne. Ein stündchen Schlaf wäre jetzt gut gewesen, Tau und spatzengroße Mücken ließen uns jedoch davon Abstand nehmen. Gegen 5:00 Uhr erreichten wir den Scheitelpunkt der Tour, die Elbbrücke in Dömitz. 


Um 6:00 Uhr sollte es Frühstück beim Bäcker in Hitzacker geben. Ich hatte mich bei zwei unabhängigen Quellen über die Öffnungszeiten Informiert. Der guten Dinge wären wohl drei gewesen, jedenfalls standen wir vor verschlossener Tür. Ganz pragmatisch versuchten wir nun, in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen, das Velomobil zu reparieren. Erstaunlich was da alles heraus fällt, wenn man es auf den Kopf stellt. Bäckerei 2. Anlauf, 7:30 Uhr, wir stehen ganz weit hinten in der Schlange der Brötchenhungrigen - dabei waren wir doch die Ersten. 


Die Gebirge um Hitzacker sind bei Radfahrern in Norddeutschland berüchtigt. Es war mein 1. Mal, aber jetzt weiß ich aus eigener Erfahrung, warum man besser die gegenüberliegende Elbseite benutzt, oder einen großen Bogen durch das Wendland macht. Zwei mal reichte die Übersetzung nicht, und wir mussten schieben. Marathon just in Time. Trotz längerer (Zwangs-)pausen schafften wir die Marathondistanz in gut 13 Stunden. 


Drei Kranische zogen vorüber, Graugänse übten den Formationsflug, Schwalben jagten über den Deich. Ich fühlte mich nicht gut. Schlafmangel, Außenbänder rechts, der linke Fußknöchel, ein paar Mückenstiche, nennenswerter Gegenwind auf den letzten 100 km  - alles erträglich, aber eben nicht mehr gut. Vielleicht steckten mir auch noch die 170 km von Montag in den Knochen?


So waren die letzten 50 km dann auch nur noch ein eher mittelgemütliches nach Hause rollen mit verminderter Geschwindigkeit. Aber wenn du dann in einer heißen Wanne Schaumdad liegst, teilnahmslos an die Decke starrst und ab und an einen Schluck kühles Nass herunterspühlst, dann denkst du auf einmal: "Wow! War das eine Nacht!" am schönsten Fluss der Welt....








Dienstag, 1. August 2017

Hundstag



Hundstage sind die heißesten Tages des Jahres, Ende Juli, Anfang August wird es oft über einen längeren Zeitraum sehr heiß. Nun könnte man meinen, es sei dann den Hunden zu heiß - gefehlt, der Begriff kommt aus der Astronomie und selbst die astronomische Realität ist nicht mehr gegeben. Lange Rede, sehr kurzer Sinn: Wir hatten in Norddeutschland auch mal einen Hundstag heute. 



Nachdem die vergangenen Wochen (und vor allem deren Enden) wahlweise mit gruselig schlechtem Wetter, oder mit kulturellen und sozialen Notwendigkeiten belegt waren, wollte ich heute noch mal Fahrradfahren, weit, viel.... Kiel stand gestern noch auf dem Programm, mal was neues ausprobieren, heute morgen schreckte mich die lange Bahnfahrt und der zugehörige Obolus davon ab. Nach so langer Zeit erschien mir bewährt und gut attraktiver als neu und aufregend. 



Mit der S-Bahn nach Aumühle, das war vorstellbar, und dann mal sehen. Mal sehen heißt dann irgendwann Elbe - was sonst? Gegen Mittag war die Bahn leer und am Aufzug in Aumühle prangte ein großes Schild "Außer Betrieb". Es währe ja auch zu schön gewesen. 



Ich sinnierte, wie ähnlich das vormalige Zonenrandgebiet doch der Zone war. Platte Hüben wie Drüben, man wollte sich schließlich nicht lumpen lassen. Ich kam zügig gen Osten voran. Ein feiner Schweißfilm überzog die Haut. Umundzu 30 Grad zeigte mein Thermometer, wobei am Himmel attraktive Wolkentürme vorüber zogen. Bei dieser Konstellation benötigt man erfahrungsgemäß 2 Liter Flüssigkeit / 100 km.


Eispause an der Boitze. Sonne, Ruhe, abhängen im Hafen - dann folgt der schönste Abschnitt meiner heutigen Tour, der schmale Landstrich zwischen Sude und Elbe. Schon ganz früh im Jahr hatte ich hier auf einer Tour gegen orkanartige Winde angekämpft, nun wollt ich wissen, wie schön es dort wirklich ist. Ein Aussichtsturm lädt ein zum Blick über das weite flache Land. Eine alte schmale Deichstraße schlängelt sich entlang der Sude, Fachwerkhäuser, Reetdächer, DDR Panzerstraßen, kaum zu befahren mit schmalen Renradreifen. 


Die Sude führt nach den starken Regenfällen in den letzten Tagen Hochwasser, die Ausblicke links und rechts des Weges sind famos. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. In Neuhaus rief mir jemand hinterher "Pass auf, dass du nicht einschläfst" - wie oft habe ich das schön gehört. Irgendwann ist es nicht mal mehr lustig. Der Weg zur Fähre nach Darchau führt kilometerlang schnurgerade auf die Elbe zu. Für zweifufzisch wird man hinüber gefahren.


Ein kleiner Supermarkt kam mir gerade recht. Höchste Zeit, trinkbares nachzufüllen. Eine Packung Kekse wanderte auch noch in den Einkaufskorb. Die Pause fand seltsam unromantisch im Schatten auf dem Parkplatz statt. Nächste relevante Bahnstation war Lüneburg, knapp 40 km entfernt. Nach Hause waren es noch 80+ Kilometer. Ich entschied mich für die 2. Variante. Ich entscheide mich fast immer für die 2. Variante.


Windstille, dahin gleiten, Elbe gucken, die Strecke war eine alte Bekannte, eine schöne Bekannte. Am Schild, das Kaffee und Kuchen anpries war ich schon ein ganzes Stück vorbei, als ich mich besann. Die Wirtin eines Landgasthofes, dessen beste Zeit mindestens 50 Jahre vorüber waren servierte Apfelkuchen, dann setzte sie sich zu mir in den Schatten. 78 sei sie, wir sprachen übers Wetter, dann darüber, dass unlängst ein Stammgast an Tuberkulose gestorben sei, dann über die vielen Ausländer, die all die Krankheiten einschleppen würden. Ich fragte dann noch, wie viele Ausländer es denn hier gebe? Keine! Ach? Dann brichtete ich noch, dass dort wo ich Wohne überwiegend Ausländer wohnen und ich mich eigentlich ganz gesund fühle. Auch hätte ich in letzter Zeit keine Veränderungen feststellen können. Aber die Ausländer könne man ja nicht einfach so herein lassen, wenn sie krank seien. Meine Gegenfrage, wo man sie denn hin tun sollt und was man mit kranken Nichtausländern anstellen müsste, überforderten sichtlich. Ich bezahlte meine Schuld atmete drei Mal durch und widmete mich der in nun absehbarer Zeit untergehenden Sonne. 


Lauenburg, Elbschleuse Geesthacht, dann ein Stück auf dem Deich und hinüber zum Marschbahndamm, kurz überlegte ich noch, ob ich nicht vielleicht die 200 km heute noch voll machen sollte. Der sich abzeichnende Sonnenbrand und ein aufgescheuerter Oberschenkel ließen mich jedoch von der Idee Abstand nehmen. 


Hundstage, Hund..... 10 Wochen ist Joschi jetzt tot. Es ist immer noch schlimm, manchmal. Manchmal erwischt es mich, wenn ich gar nicht damit rechne. Wie viele Tausend Kilometer wir wohl gemeinsam Rad gefahren sind? Immer den Wind um die Nase, immer ganz aufmerksam, schließlich könnte uns ja ein Schaf oder gar ein Kaninchen begegnen. Nun radelt er wohl im Hundehimmel....hoffentlich! 


Das Leben geht weiter, die vielen wundervollen Erinnerungen bleiben. Ein Leben ohne Hund ist kein richtiges Leben. Die Entscheidung ist schon lange gefallen, die Trauerzeit ist vorbei - in zwei Wochen kommt Lotte. Lotte, ganz neu, ganz anders - ob sie wohl Fahrradfahren mag? Wir werden es herausfinden. 170 km - Hamburg - sundown - morgen regnet es wieder.